Römische Stadtmauer

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Stand/Quelle/Datum: 21.02.2011

  • Bereits Ende des 16. Jahrhunderts versuchte Marcus Welser den Verlauf der römischen Stadtumwehrung im Westen der Stadt zu ermitteln, wo ihre Spuren im Gelände vielleicht noch erkennbar waren. Nach Welser war es erst wieder Johann Nepomuk von Raiser, der ab 1820 seine Forschungsergebnisse zum römischen Augsburg und später zur „Stadt-Mauer […] in südlicher Richtung“ (1837) vorlegte. Der erste archäologische Nachweis und eine genauere Lokalisierung der antiken Befestigungsanlagen gelang Friedrich Ohlenschlager, der 1904 im Garten des Anwesens Heilig-Kreuz-Straße 26 zwei Suchschnitte durch die der Stadtmauer vorgelagerten Gräben legte. Nach dem Zweiten Weltkrieg konnte Ludwig Ohlenroth weitere wesentliche Anhaltspunkte zur Struktur der römischen Wehranlagen gewinnen. Die bedeutendste Entdeckung war dabei das zwischen Kohlergasse und Fronhof gelegene Westtor. Bei zwei Großgrabungen der Stadtarchäologie in der Langen Gasse 11 (1986–1988) und in der Heilig-Kreuz-Straße 24–26 (1988–1992) sowie den Notgrabungen Auf dem Kreuz 58 (1990/91) und in der Heilig-Kreuz-Straße 4 (1994/1995) war es möglich, im Bereich der Wehranlagen flächig und nach modernen Methoden zu graben und so die bisherigen Kenntnisse erheblich zu erweitern. Die Auswertung dieser Ausgrabungen unter Einbeziehung der alten Fundakten erfolgte durch Salvatore Ortisi, der 2001 eine grundlegende Untersuchung zur römischen Stadtmauer vorlegte.

    Der westliche Mauerabschnitt verlief westlich der Langen und der Alten Gasse über das Westtor bis zum Hafnerberg und knickte dort nach Südosten Richtung Obstmarkt ab. Das Südtor wird am Hohen Weg vermutet; östlich davon wurden Fundamentreste am Mauerberg und am Schmiedberg beobachtet. Weitgehend hypothetisch ist der Verlauf des nordwestlichen Abschnitts im Bereich der Wertachbruckertorstraße und der Rugendasstraße. 1999 konnte Am Pfannenstiel in zwei Schnitten das nördlichste Teilstück der Stadtmauer mit mehrperiodigem Grabensystem dokumentiert werden. Am Rande der Hochterrasse im Osten ist die Stadtmauer vermutlich nachantik abgegangen.

    Vielleicht wurde mit dem Bau der Stadtmauer bereits zu Beginn des 2. Jahrhunderts in trajanisch-hadrianischer Zeit begonnen und steht somit in Verbindung mit der Erhebung Augsburgs zum ‚municipium‘. In diese Zeit ist der Stadtmauerabschnitt Am Pfannenstiel zu datieren. Der gut erforschte Westabschnitt wurde hingegen erst in den 160er Jahren während der Regierungszeit von Kaiser Marcus Aurelius gebaut. Für dieses öffentliche Bauwerk mit durchaus repräsentativem Charakter musste ein Teil der westlich der Stadt bestehenden Siedlung des 1. Jahrhunderts weichen. Vor allem die Ausgrabungsergebnisse von der Langen Gasse und der Heilig-Kreuz-Straße sind die Grundlage für eine Rekonstruktion der Baustruktur der Wehranlage. Die Gussmauer mit einer Schale aus Tuffquadern ruhte auf einem 2,2–2,4 m (das entspricht 7–8 römischen Fuß) breiten Fundament aus einer Sand-Tuffstein-Stickung und einer Kiesrollierung. Die aufgehende Mauer war etwa einen römischen Fuß schmäler. Ihre Höhe betrug etwa 7 m, darauf stand zusätzlich eine 1,5–2,0 m hohe Brustwehr, die von halbrunden Zinnendeckeln abgeschlossen wurde. Zur Verstärkung der Mauer waren auf der Innenseite im Abstand von 46,5 m (= 155 römische Fuß) rechteckige Pfeiler angesetzt, die auch als kleine Zwischentürme dienten. Zur ersten Bauphase der Umwehrung gehörte ein Doppelgrabensystem mit zwei jeweils 6 m breiten und 3 m tiefen Spitzgräben, die im ersten Drittel des 3. Jahrhunderts ausgebessert wurden. Um 240/250 ist eine vielleicht durch einen Germanenüberfall ausgelöste Brandkatastrophe nachzuweisen, bei der die ‚extra muros‘ gelegene Vorstadt endgültig zerstört und in deren Folge der innere Wehrgraben zugefüllt wurde.

    Der Anbau von rechteckigen Türmen (6,0–6,5 x 3,5 m) mit einer angenommenen Höhe von mindestens 12 m und die Errichtung eines äußeren, um 25 m vorgeschobenen Wehrgrabens trägt in konstantinischer Zeit (münzdatiert nach 312/313) vermutlich den Veränderungen in der Belagerungstechnik Rechnung. Noch im späten 4. Jahrhundert (münzdatiert nach 388/402) erfolgte ein allerletzter Umbau, indem man den inneren Graben neu anlegte und einen Wall anschüttete. Die Stadtmauer der Aelia Augusta gehörte in römischer Zeit zu den eindrucksvollsten Monumenten ziviler Architektur in Süddeutschland. Sie umfasste Gebiet von ca. 85 ha, das etwa 8.000 bis 12.000 Einwohner Platz bot.

    Bei Ausgrabungen Im Annahof (2005) und in der Gutenbergstraße 1 (2009) entdeckte man ca. 300–400 m westlich und südlich der Stadtmauer Abschnitte einer nur kurz bestehenden Holz-Erde-Umwehrung aus der Mitte des 2. Jahrhunderts, bei der es sich nach erster Einschätzung um eine nur wenig früher angelegte Stadtumwehrung handeln könnte, die ein viel größeres Stadtgebiet umschloss. Möglicherweise sah man sich aufgrund politischer und militärischer Ereignisse, aber auch wirtschaftlicher Überlegungen bald gezwungen, die Stadtfläche zu reduzieren und die Länge der Steinmauer zu verkürzen, so dass diese Umwehrung und damit die weiter außen liegende Trasse wieder aufgeben wurde. Zumindest deuten diese Befunde ein sehr differenziertes Bild der zeitlichen Abläufe beim Bau der römischen Befestigungsanlagen von Augsburg an.

     

Literatur:

Johann Nepomuk von Raiser, Neu entdeckte Ueberreste der ehemaligen Stadtmauer um die römische „Augusta Vindelicorum“ in südlicher Richtung, in: 3. Jahres-Bericht im vorigen Oberdonaukreis (1837), 3

Friedrich Ohlenschlager, Römische Überreste in Bayern 3, 1910

Ludwig Ohlenroth, Augusta Vindelicum Augsburg. Vorberichte über die Untersuchungen von 1949–1953, in: Bayerische Vorgeschichtsblätter 21/2 (1956), 255–283, 263 f. u. 272

Lothar Bakker, Rettungsgrabungen vor der Stadtmauer von Augusta Vindelicum, in: Das Archäologische Jahr in Bayern 1992, 104–106

Ders. / Andreas Schaub / Volker Babucke, Neues Stadtviertel der römischen Provinzhauptstadt Augusta Vindelicum entdeckt, in: Denkmalpflege Informationen Ausgabe B Nr. 113/27. Oktober 1999, 2–5

Volker Babucke / Lothar Bakker / Andreas Schaub, Sondierungsgrabungen „Am Pfannenstiel“ im Norden der Provinzhauptstadt Aelia Augusta, in: Das Archäologische Jahr in Bayern 2000, 72–75

Salvatore Ortisi, Die Stadtmauer der raetischen Provinzhauptstadt Aelia Augusta – Augsburg. Die Ausgrabungen Lange Gasse 11, Auf dem Kreuz 58, Heilig-Kreuz-Straße 26 und 4, 2001

Ders., ‚Vallum cum turribus‘ – Zur Westumwehrung der raetischen Provinzhauptstadt Aelia Augusta/Augsburg, in: Neue Forschungen zur römischen Besiedlung zwischen Oberrhein und Enns, 2002, 145–156

Günther Fleps, Raetiens Hauptstadt größer als angenommen? Ausgrabung in der Gutenbergstraße 1 in Augsburg, in: Das Archäologische Jahr in Bayern 2008, 89–92.