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Forum Musikpädagogik, Band 44 (Hrsg. Kraemer, Rudolf-Dieter) · Unterreihe Musikpädagogische Forschungsberichte, Band 8 (Hrsg. Gembris, Heiner; Kraemer, Rudolf-Dieter; Maas, Georg)
· Ausgewählte Aufsätze zum Thema "Musikalisches Lernen und Transfereffekte" aus den Musikpädagogischen Forschungsberichten, Band 8
Schlagzeilen wie "Musik macht intelligent" und Verheißungen, dass Musik soziales und kreatives Verhalten fördere, Sprach- und Rechtschreibfertigkeiten verbessere, erheischen Aufmerksamkeit. Der vorliegende Band nimmt eine kritisch-distanzierte Betrachtung der Arbeiten vor, die mit aufwändigen Untersuchungen die Wirkungen eines intensiven Musikunterrichts erforschen und befasst sich mit den entsprechenden Forschungsmethoden. Ist doch das Ergebnis der Studien letztlich davon abhängig, auf welchem Wege die Resultate gewonnen wurden. International anerkannte Autorinnen und Autoren melden sich zu dieser Problematik zu Wort.
Kritikerstimmen zur Erstauflage:
Christoph Richter in Diskussion Musikpädagogik:
"Hier liegt eine außerordentlich vielseitige Auseinandersetzung mit dem Phänomen von Transferleistungen und zudem über Forschungsmethoden und -absichten in diesem Gebiet vor, deren Lektüre auch für die Nichtspezialisten der behandelten und umstrittenen Fragen empfehlenswert ist."
Klaus-Ernst Behne in Üben und Musizieren:
" ... kann ganz erheblich zur Versachlichung der Diskussion beitragen ... überaus lesenswert ... "
Ulrich Mahlert in Das Orchester:
"Die Herausgeber haben exzellente Fachleute als Autorinnen bzw. Autoren gewonnen. Ihre allesamt sehr lesenswerten Texte leuchten diverse Aspekte des komplexen, als Forschungsgegenstand überaus schwierigen Themas aus."
· 154 Seiten, Paperback, Format 21 x 15 cm · 4. Auflage · Erscheinungsdatum: 10.12.2008 · ISBN 978-3-89639-373-9 · lieferbar
Rezensionen
ERTA-News, 4/2001 Umstritten sind die Auswirkungen des Musikunterrichts auf andere Gebiete, die sogenannten "Transfereffekte". Den aktuellen Diskussionsstand ist im Band "Macht Musik wirklich klüger? Musikalisches Lernen und Transfereffekte", herausgegeben von Heiner Gembris, Rudolf-Dieter Kraemer und Georg Maas, nachzulesen. Die Beiträge sind höchst unterschiedlich: Maria Spychiger untersucht die grundsätzlichen Probleme von Untersuchungen, die einen Zusammenhang von "außermusikalische[n] Wirkungen musikalischer Aktivität" herzustellen versuchen, Hans Günther Bastian und Adam Korman wehren sich gegen zu platte Verallgemeinerungen ihrer langjährigen Studienergebnisse, was in diesem Band nicht unwidersprochen bleibt. Wilfried Gruhn untersucht das musikalische Lernen von Kleinkindern, wobei sich vor allem wieder einmal die Bedeutung von Bewegung und Stimme zeigte. Aber auch Aspekte der Podiumsangst werden beleuchtet (Gabriele Hofmann und Felizitas Noll), weiters finden auch historische Aspekte wie die "musikbezogenen Erfahrungen von Mädchen im Nationalsozialismus" (Anne Niessen) Aufnahme. Eine zeitweise nicht sehr einfache, dennoch überaus anregende Lektüre.
Christoph Richter, Diskussion Musikpädagogik, 12/2001 Unter dem verführerischen Titel "Macht Musik wirklich klüger?" legt das Herausgeberteam Heiner Gembris, Rudolf-Dieter Kraemer und Georg Maas den Band 8 der im Wißner-Verlag erschienenen "Musikpädagogische Forschungsberichte" (zugleich Band 44 des Periodikums "Forum Musikpädagogik") vor, in der Unterüberschrift versachlicht zu "Musikalisches Lernen und Transfereffekte". So verständlich die Titelwahl ist, welche die ambivalente Erwartung weckt, ob nämlich Hans Günther Bastian mehr forschungskritisch die Leviten gelesen werden oder ob vielleicht doch Hoffnungen auf eine neue Blütezeit des Musikunterrichts erlaubt sind, frisch gedüngt und gestärkt durch versprochene Transfereffekte, so schade ist es andererseits um jene Beiträge dieses Bandes, die nicht unter dem Hauptthema des Bandes zu subsumieren sind, mir jedoch als besonders interessant und anregend entgegenkommen. Ihnen widme ich mich deshalb zuerst.
Vier Dissertationen werden ausführlich beschrieben, von ihren Autorinnen bzw. Autoren. Dies ist eine gute Idee; noch besser gefiele es mir, wenn die Berichte mit einer Rezension verbunden wären.
Anne Niessen untersucht unter dem Titel "Wie das doch eingebrannt ist. Musikbezogene Erfahrungen von Mädchen im Nationalsozialismus" die vorliegende Literatur zu diesem Themenkreis und erarbeitet sodann in Interviews, die sie zum Teil zu Portraitskizzen formt und andererseits in Querschnittsauswertungen nach relevanten Aussagen zusammenfasst, Antworten auf ihre Forschungsfrage. Zunächst erläutert sie die Methoden und den Theoriehintergrund ihres Vorhabens; dann schildert sie die Ergebnisse unter verschiedenen Aspekten, nämlich der Funktionalisierung der Musikerziehung, der geschlechtsspezifischen, der gemeinschaftsfördernden und der politischen Intentionen des Singens und der Lieder. Der Forschungsbericht schließt mit einer (selbst)kritischen Betrachtung des Vorhabens und seiner Einfügung in die historische musikpädagogische Forschung.
Sieglinde Siedentop legt eine Arbeit "Musikerziehung in der DDR. Musikpädagogische Studien zu Erziehung und Bildung in den Klassen 1-4" vor. Obwohl der Rezensent gemeinsam mit dem Kulturphilosophen Arthur Danto prinzipiell skeptisch ist gegenüber einer allzu frühen, nämlich gleichsam nicht aufgearbeiteten eigenen Geschichte und auch gegenüber dem zwar verständlichen, aber doch kaum möglichen sachlich argumentierenden Interesse an der eigenen Vergangenheit, die ja wegen der biographischen Nähe schwer zu durchschauen ist - trotz dieser Skepsis erscheint mir die besondere Ausrichtung der Untersuchung von Interesse. Frau Siedentop untersucht den gewählten Ausschnitt des Musikunterrichts im Vergleich zur sich wandelnden Bildungspolitik der DDR. Über die Betrachtung der Unterrichtsmaterialien (hier vor allem des Liedes) hinaus gilt der Versuch der Autorin dem Bemühen, die Beziehungen zwischen Unterrichtskonzeption und ideologischen Bildungsvorgaben herauszuarbeiten.
Andreas Hoppe hat seine Studie in dem weiten Feld der Wahrnehmungsforschung angesiedelt und geht der Frage nach, wie blinde Jugendliche Musik mit Hilfe erfundener Texte deuten. Nach einer Beschäftigung mit der Persönlichkeitsentwicklung blinder Menschen stellt er den von ihm durchgeführten Musikpräferenztest vor und schildert dann die Erfahrung einer gesteigerten Bereitschaft von Blinden, über ihr Hören und Erleben zu berichten. In seinem Ausblick fordert er zu mehr instrumentalen Aktivitäten in diesem Bereich der Musikerziehung auf.
Christopher Wallbaum geht in seiner Dissertation "Prozeß-Produkt-Didaktik als Weg zu musikalisch-ästhetischer Erfahrung (Untersuchungen zur Produktionsdidaktik und eine Konzeption)" zunächst mit einem plausiblen Untersuchungsinstrumentarium auf verschiedene Konzepte einer Produktionsdidaktik ein (aber: gibt es eigentlich solche Konzepte in Reinformen?). Aus seinen Ergebnissen entwickelt er mit der Unterscheidung von Produkt- und Prozessorientierung und ihren möglichen Kombinationen eine eigene Konzeption, die beide Orientierungen miteinander verbindet. Die theoretische Basis für dieses Konzept bildet jenes der ästhetischen Erfahrung von Martin Seel, das dieser in seiner Arbeit über die Ästhetik der Natur als eine Art von Trilogie aus Kontemplation, Korrespondenz und Imagination als den tragenden Säulen der Ästhetikgeschichte zusammengefasst und ausdifferenziert hat. Die als Theoriebeitrag angelegte Dissertation mündet sympathischerweise nicht in Unterrichtsbeispiele, sondern in "Orientierungshilfen für die Inszenierung ästhetischer Erfahrungssituationen".
Die weiteren Beiträge außerhalb des Reizthemas des vorliegenden Bandes beschäftigen sich mit den Ergebnissen der "Langzeituntersuchung zum Aufbau musikalischer Repräsentationen bei Kindern bis zum 4. Lebensjahr" (Wilfried Gruhn - dieser Beitrag wurde bereits infolge ungenügender Absprachen kurz zuvor in dieser Zeitschrift veröffentlicht) und ferner mit zwei, wie ich meine, außerordentlich wichtigen Beiträgen zur Angst beim Musizieren. Gabriele Hofmann betrachtet auf der Grundlage einer Reflexion des Angstbegriffs das Phänomen "Podiumsangst" aus pschychoanalytischer Sicht. Felizitas Noll geht in ihrer Untersuchung "Umgang mit Aufführungsangst" vom Begriffsumfeld aus, berührt sodann die psychischen und physischen Reaktionen von Angst und geht sodann auf die gehirnphysiologischen Zusammenhänge ein. Ihr Bericht geht schließlich in pädagogische Forderungen über.
Nun aber wendet sich mein Versuch einer Rezension dem im Buchtitel angekündigten Thema zu: "Macht Musik wirklich klüger?"
Einschließlich der Rezension der Bastian-Studie von Herbert Bruhn wird das Thema in sieben Beiträgen behandelt (die Erwiderung von Maria Spychiger auf den Beitrag von H.G. Bastian und A. Kormann nicht gerechnet).
Mit anderen Worten: Hier liegt eine außerordentlich vielseitige Auseinandersetzung mit dem Phänomen von Transferleistungen und zudem über Forschungsmethoden und -absichten in diesem Gebiet vor, deren Lektüre auch für die Nichtspezialisten der behandelten und umstrittenen Fragen empfehlenswert ist. Zwar ist der Ausgangspunkt die umstrittene "Bastian-Studie"; die Herausgeber waren jedoch so weitsichtig und so fair, die wahrlich wichtige Frage nach der Wirkung und Funktion des Musikunterrichts an allgemeinbildenden Schulen gleichsam forschungsobjektiv und ihrer übergreifenden Bedeutung gemäß in zurückhaltender Sachlichkeit zu behandeln.
Die umstrittene Studie "Musik(erziehung) und ihre Wirkung ..." ist bekanntlich aus zwei Gründen unter Kritik geraten, die freilich miteinander zusammenhängen. Ihr wird vorgeworfen, methodisch nicht sauber erarbeitet zu sein; und ihr wird (eben auch deshalb) vorgeworfen, sie versuche mit fragwürdigen und teilweise mit falschen Ergebnissen, Politiker, Journalisten, Eltern und andere gesellschaftliche Gruppen für größeres Wohlwollen gegenüber dem Musikunterricht und für eine Verbesserung seiner wahrlich schlechten Lage zu ködern; außerdem erweise sie der Beschäftigung mit Musik einen schlechten Dienst, wenn Musikerziehung für Vorleistungen intellektueller, sozialer o. a. Art angepriesen, also für Fremdzwecke instrumentalisiert werde.
Die Beiträge, die hier zu erörtern sind, beschäftigen sich ausschließlich mit dem ersten Vorwurf, dies generöserweise aber auf einer allgemeinen Ebene.
Eine Ausnahme hiervon macht, das ist auch ihre Aufgabe, die Rezension der Studie von Herbert Bruhn. Er benennt und erläutert mit offenem Visier ihre methodischen Fragwürdigkeiten. Sie können hier nur in Stichworten zusammengefasst werden:
Zunächst tadelt Bruhn, dass die Darstellung der Studie sich nicht an die Konvention empirischer Forschungsberichte hält, sondern die Datenauswertung mit Interpretationen und Wertungen verknüpft, die noch dazu "in unzulässiger Weise" über das hinausgehen, was die Daten hergeben. Weitere Vorwürfe betreffen die Tatsachen, dass die Versuchspersonengruppe nachträglich erweitert wurde, dass die Gruppengrößen deutlich verschieden waren, dass die Informationen so heterogen sind (sich zwischen Feuilleton, philosophischen Zitaten, empirisch-wissenschaftlichen Mitteilungen und Zitaten berühmter Meister bewegen), dass Ergebnisse nachlässig diskutiert, anstatt genau dargestellt werden. Die im Einzelnen dargestellten Vorwürfe, welche die wissenschaftliche Diagnostik betreffen, seien hier ausgelassen. Im Ganzen gesehen erteilt der Rezensent der Studie und der Art ihres Zustandekommens eine harsche Abfuhr.
Auf einer sehr viel allgemeineren Ebene geht Maria Spychiger, Beteiligte und Mitautorin (an) der vergleichbaren Schweizer Untersuchung und Studie "Musik macht Schule", mit den Problemen um, welche "die Validität, Präsentation oder Interpretation der Ergebnisse einschlägiger Studien" betreffen. Sie legt einen Katalog von zwölf Problemen vor, die solche Studien berücksichtigen und beseitigen sollten. Die einzelnen Punkte des Katalogs erläutert sie mit Beispielen ihrer eigenen Studie, vor allem aber jener von Bastian. Weil sie auch das Interesse der Nichtforscher, nämlich jener Personen beanspruchen, an die sich derartige Studien richten, mit der Aufforderung, die Verhältnisse zu verändern, seien sie hier aufgeführt:
"- Unvollständige Darstellung der Resultate zugunsten der Transfereffekte
- Post-hoc-Erklärungen zur Bedeutung von Ergebnissen
- Positive Entwicklungen und Ergebnisse in den Kontrollgruppen werden nicht erwähnt
- Von kurzfristigen wird auf langfristige Musikwirkungen generalisiert
- Fehlende Angaben über Varianzen
- Defizite bei der Unterscheidung von unmittelbaren vs. nur mediatorischen Wirkungen bzw. Ungereimtheiten bei der Bestimmung der Wirkfaktoren
- Überprüfungen von Alternativerklärungen zur Begründung der Effekte fehlen
- Kontrollgruppenstudien mit alternativen, nichtmusikalischen Treatments stehen immer noch aus
- Studien mit mehreren musikbezogenen Experimentalgruppen stehen aus
- Geringe Treatment-Spezifität der Messungen
- Ungenügende Reflexion über den Einfluss von Untersuchungseffekten
- Ergebnislose Studien und Erfahrungen werden nicht publiziert"
Dieser Katalog zeigt einerseits das hohe Forschungsethos, das es gerade bei derart umfassenden und wichtigen Untersuchungen einzuhalten gilt (und erfüllt einen Empiriker-Laien wie mich mit Hochachtung). Er zeigt andererseits die Erscheinungen, die in der Verführung lauern, Ergebnisse günstig zu rechnen und zu formulieren. Der Katalog zeigt drittens, wie sehr derartige Untersuchungen auf gegenseitige Kontrolle, kollegiale Begleitung und Verzicht auf Eitelkeiten des Erfolgs angewiesen sind. Dennoch macht Frau Spychiger Mut, auch weiterhin solche Forschungen durchzuführen.
Der Beitrag von Hans Günther Bastian und Adam Kormann kann als eine Replik und eine Rechtfertigung gegenüber jenem von Maria Spychiger gelesen werden. Bastian zieht sich auf eine Verteidigungslinie zurück, die mit wenig Ausnahmen (z. B. dem Vorwurf der "Post-hoc-Deutungen") in allgemeiner Weise über Probleme derartiger Studien aufzuklären trachtet. Da geht es zunächst um eine breite Darstellung des Transferbegriffs; es geht um die Schwierigkeit, auch weniger gut fassbare Daten (etwa aus dem emotionalen, kreativen, psychomotorischen Bereich) in die Auswertung einbeziehen zu können. Es geht vor allem um den Status der Untersuchung - ob er als offen und exploratorisch zu bezeichnen sei (was nachträgliche Veränderungen legitimieren kann), ob es sich um "Status- oder Prozessdiagnostik" handle, was wiederum eine Reihe von Vorwürfen exkulpieren könne. Als Hauptargument zur Rechtfertigung der meisten von den Empiriker-Kollegen vorgetragenen Kritikpunkte dient Bastian der Hinweis auf die notwendige Offenheit des Vorgehens und der Darstellung. Mir ist freilich zweifelhaft (und ich gerate sozusagen diagnostisch und politisch ins Schwimmen), welcher Nutzen aus dem großen und engagiert betrieben Aufwand dann zu ziehen erlaubt ist.
(Meine Reaktionen, die hier jedoch nicht zur Debatte stehen, gehen in andere Richtungen, etwa in die Überlegung, ob nicht vor allem durch die menschliche und fachliche Kompetenz der Lehrenden, ob nicht mit persönlichem Engagement und mit so etwas wie 'Liebe' zu Menschen wie zu den Dingen besser erreicht werden kann, was in der Studie mit Forschungsmanagement versucht wird, und zwar nicht gerade und besonders nur im Umgang mit Musik, sondern vielleicht auch mit einer bestimmten Art, mit Zahlen und Formeln umzugehen, im Theaterspielen, im Umgang mit verschiedenen Sprachen ... ).
Um zur Rezension des Buches zurückzukehren: Als hilfreich und zur Versachlichung der aufgeregten musikpädagogischen Diskussion beitragend sind die vier Beiträge zu lesen, die sich mit der Transferforschung beschäftigen. Sie fordern übereinstimmend dazu auf, mit Interpretationen von Transfereffekten von einem (verstärkten) Umgang mit Musik auf andere Tätigkeiten oder gar auf die Steigerung von Intelligenz vorsichtig umzugehen, forschungsmethodisch sauber und überprüfbar zu arbeiten, aber die Hoffnung auf positive Ergebnisse der Transferforschung nicht aufzugeben, sondern sie gewissenhaft und mit den nötigen Skrupeln weiterhin zu betreiben.
Im Einzelnen:
Richard Staines geht einigen Berichten nach, denen zufolge "Musik Kinder klüger macht". Er greift sich für die kritische Betrachtung den Aspekt des Musikhörens und -lernens im Zusammenhang mit der Kodàly-Methode heraus und kommt zu der Einsicht, dass wegen der Fülle methodischer und sachlicher Probleme die "Formulierung einer umfassenden Transfertheorie ... noch eine ferne Zukunftsaussicht" sei. Er berichtet andererseits davon, dass das Thema "Transfer des Lernens" zwar allgemein akzeptiert sei, verweist aber darauf, dass der Begriff 'Transfer' bisher viel zu pauschal benutzt und untersucht werde. In drei Anmerkungen fasst er seine Überlegungen zusammen:
1) "Die Formulierung einer alles überspannenden Transfertheorie bleibt eine Vision".
2) "Die Forschungsresultate über allgemeine Transferleistungen des musikalischen Lernens waren bisher widersprüchlich."
3) "Die Behauptungen, die von einigen Wissenschaftlern über die Effekte des musikalischen Lernens auf nicht-musikalische Bereiche aufgestellt wurden, sind mit Vorsicht zu behandeln."
Jane W. Davidson und Stephanie E. Pitts beschäftigen sich in ihrem Beitrag "Musik und geistige Fähigkeiten" (ebenfalls) mit Untersuchungen der Wirkung von Musik (hier einmal nicht: des Umgangs mit Musik oder des Musikunterrichts!) auf die kognitive Entwicklung. Zum Titel des Beitrags ist zunächst einmal kritisch anzumerken, dass der Umgang mit Musik immer auch schon eine geistige Fähigkeit ist. Deshalb könnte der so formulierte Beitragstitel in bestimmten Musiklaien-Kreisen eine schiefe (aber leider geläufige) Auffassung von der Beschäftigung mit Musik bestätigen, gegen die mit verzweifeltem Mut seit Jahrzehnten argumentiert wird. Der Beitrag selbst widmet sich dann aber einigen Betrachtungen, die den Umgang mit Musik ins Verhältnis zu bestimmten Verhaltens- und Lernvoraussetzungen setzt: Die kleinen Kapitel beschäftigen sich z. B. mit Umgebung und Persönlichkeit, Musikalische Evolution, Pränatale Erfahrung, Musik in der Erziehung, Musik in der Musiktherapie. Die Verfasser kommen zu dem Schluss, dass es nützlich ist, die angesprochenen Wechselwirkungen zwischen Musikumgang und bestimmten allgemeinen Fähigkeiten gründlicher zu untersuchen, dass aber die Bedeutung dieses "Forschungszweigs" leider von populären Medien übertrieben wird und dass die Forschung alles dazu tun sollte, sich im bescheideneren Bereich des Seriösen aufzuhalten.
Rainer Eckhardt widmet sich in seinem Beitrag "Wunsch und Wirklichkeit - Transferhypothesen zum produktiven Musiklernen in der Schule" einem kleinen Ausschnitt des hier betreffenden Forschungszweiges. Er ist der Frage nachgegangen, "ob die in der musikdidaktischen Literatur angetroffenen Transferhypothesen auf ein reales Fundament gegründet sind". In der Gegenüberstellung von Intentionen, die in neueren musikdidaktischen Ansätzen über produktives Musizieren verfolgt werden, mit den Ergebnissen empirischer Studien kommt er zu dem Ergebnis, dass diese Studien nur eingeschränkt aussagekräftig sind, weil die Verhältnisse, in denen sie entstanden sind, schwerlich auf unsere Verhältnisse übertragen werden können (die meisten sind unter bestimmten Bedingungen in anderen Ländern durchgeführt worden). Auch scheint der Begriff des "produktiven Musizierens" zu wenig deutlich (er ist eigentlich eine Tautologie und unterstellt, dass es auch unproduktives Musizieren gebe), um die Forschungsfragen sinnvoll zu beantworten. Der vermutlich gemeinte Begriff der Improvisation hingegen wird noch weniger differenziert benutzt. Doch auch Eckhardt ermuntert dazu, diese Forschungsrichtung weiter zu betreiben.
Heiner Gembris schließlich, von dem in diesem Band ein Referat abgedruckt ist, das er vor dem Bundeselternrat gehalten hat, das sich also an die "Abnehmer" von Transferversprechungen richtet, verdeutlicht die Aufgabe, die eine hilfreiche Transferforschung zu leisten hätte. Zunächst erörtert er den schwammigen und sorglosen Umgang mit den beiden wichtigen Begriffen 'Musik' und 'Intelligenz'. Schon dabei wird deutlich, wie vorsichtig man mit unspezifizierten Aussagen und Hypothesen umgehen muss. An einigen Beispielen macht er klar, wie umstritten die Ergebnisse einer Transferforschung sind und wohl auch bleiben. Er zitiert die oben genannten Problemkreise von Maria Spychiger und widmet sich auch dem Wirbel um den so genannten Mozart-Effekt, der in den USA zunächst als Hoffnungsträger der Musikerziehung gehandelt wurde. Gembris' Beitrag schließt mit einer Liste von Vorsichtsmaßregeln und einigen wenigen Hoffnungen auf eine zukünftige Transferforschung.
Den Merker-Stuhl des Rezensenten verlassend kann ich es mir - nach der lehrreichen und bisweilen auch spannenden Lektüre des vorliegenden Bandes - nicht versagen, auf eine Selbstverständlichkeit hinzuweisen, die es Lehrerinnen und Lehrern möglich und leicht machen könnte, auch ohne großen Forschungsaufwand und dem mitziehenden Medientross Transfereffekte hervorzubringen; wahrscheinlich klingen oder sind sie jedoch allzu naiv, um von Transferforschern ernst genommen zu werden. Ich meine und habe die Erfahrung gemacht:
Je mehr im Unterricht Ausweitungen und Übergriffe in andere Gebiete (Sachaspekt), in andere als musikbezogene Methoden (Aspekt der Wege, die man gehen und erproben kann), in einen erweiterten Umgang mit den Sinnen (Gestaltungsaspekt), in andere als die eingeschliffenen Unterrichtsregeln (didaktischer Aspekt), in andere Handlungsorte (ebenso), in andere Redeweisen, Denkfiguren, in andere als lernbezogene und sozialpädagogische Verhaltensnormen vorkommen ... - als alltägliche Selbstverständlichkeiten und als dauergeplante Arten der Tätigkeiten -, desto selbstverständlicher lernen Schülerinnen und Schüler, zwischen Fächern, Verhaltensweisen, Denkweisen ... hin und her zu surfen und sie als gegen- und wechselseitige Gedanken und Ideen zu benutzen, so dass der Umgang mit Musik von selbst schon so allgemein und übergreifend wird, dass Transfer wieder zu dem werden kann, was es für ganz kleine Kinder schon einmal war: eine "natürliche" Verhaltensweise, noch nicht von Fächern und Verhaltungssplitting deformiert.
Transfer ist - so gesehen - eine pädagogische und kulturelle Selbstverständlichkeit und ein Dauerziel des Lernens und jeder Bildung, weniger eine wieder einmal einzufordernde Extraanstrengung für besondere Fälle.
Ulrich Mahlert, Das Orchester, 7-8/2002 "Vorsicht!" Das ist die mäßigende und zur Sachlichkeit mahnende Grundaussage aller Beiträge dieses Bandes - soweit sie sich auf dessen Thematik beziehen - gegenüber den in den vergangenen Jahren in der Presse grassierenden, vielfach reißerischen Behauptungen über die außermusikalischen Transfereffekte des Musizierens. Die Lektüre der vorliegenden Studien zeigt: Der Nachweis von Auswirkungen der Beschäftigung mit Musik auf die allgemeine menschliche Intelligenz ist schwer zu führen. Die bisherigen Ergebnisse sind größtenteils widersprüchlich, unklar bzw. wissenschaftlich anfechtbar. Gleichwohl wird durchweg dafür plädiert, die Forschungsbemühungen fortzusetzen.
Die Herausgeber haben exzellente Fachleute als Autorinnen bzw. Autoren gewonnen. Ihre allesamt sehr lesenswerten Texte leuchten diverse Aspekte des komplexen, als Forschungsgegenstand überaus schwierigen Themas aus. Eine individuelle Würdigung dieser Aufsätze ist hier nicht möglich ...
Ob Musik nun "wirklich klüger" macht, ist nach der Lektüre der themenbezogenen Texte überaus schwierig zu sagen. Durchweg sind die Autorinnen und Autoren zwar davon überzeugt, dass es Transfereffekte des Musiklernens gibt. Die Forschungsergebnisse berechtigen aber keineswegs zu den in jüngster Zeit viel gehörten euphorischen Pauschalaussagen. Heiner Gembris gibt in seinem Beitrag kritisch zu bedenken: "Wenn Musik tatsächlich allgemein per se positive Transferwirkungen z. B. auf Intelligenz, Persönlichkeit oder Sozialverhalten hat, dann müssten es [sic] bei den Mitgliedern von professionellen Musikgruppen wie z. B. Orchestern, Opernensembles oder von Rock- und Popbands, weil sie intensiven und langfristigen Umgang mit Musik haben, um Oasen von besonders intelligenten, friedfertigen und sozial kompetenten Personen handeln. Dies ist aber allgemein noch nicht aufgefallen." (S. 185) Außerdem gilt wohl, dass es ebenso intelligentes/intelligent machendes wie dummes/verdummendes Musiklernen und Musizieren gibt ...
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